Testberichte

Huawei Mate 30 Pro im Test: Ohne Google wird es schwer

Matthias ZellmerMatthias Zellmer - 7 Jan, 2020

Das Huawei Mate 30 Pro ist in einer limitierten Auflage, knapp 3 Monate nach der Präsentation in München beim Media Markt für 1.099 Euro erhältlich. Es ist das erste Smartphone, welches aufgrund des US-Embargos ohne Google-Dienste und Anwendungen ausgeliefert wird. In unserem nun folgenden Test haben wir neben der Hardware auch geprüft, in wie weit eine Nutzung ohne Google-Dienste möglich ist und wie sich der Umgang mit den nachträglich installierten Services gestaltet.

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Huawei hat es im Augenblick nicht leicht. Das US-Handelsministerium gewährt Huawei nach wie vor nicht die Zusammenarbeit mit US-Unternehmen. Zwar hat Google eine Ausnahme-Lizenz beantragt, doch anders wie Microsoft bis dato keine erhalten. Das bedeutet im Umkehrschluss, das dem aktuellen Flaggschiff, dem Huawei Mate 30 Pro keine Google Mobile Services zur Verfügung stehen. Macht der Verkauf ohne Google Play Store und der Synchronisation der Kontakte, Mails und Terminen überhaupt einen Sinn? Und wie ist es, wenn man sich diese einfach nachträglich installiert. Das wollten wir in unserem Test einmal herausfinden.

Design und Verarbeitung

Unser Modell stammt von TradingShenzhen, wo auch anders als im Media Markt nicht nur Space Silver, sondern alle 4 Farben zur Verfügung stehen. Wir haben uns für Emerald Green entschieden.
Die Verarbeitung beim Mate 30 Pro ist gewohnt perfekt. Keine scharfen Kanten, eine hervorragende Haptik und auch optisch macht das rechts und links abgerundete Horizon-Display einen großartigen Eindruck.

Auf der Rückseite gibt es im unteren Bereich eine leichte Maserung, die für einen guten Grip sorgt. Ansonsten dominiert die sogenannte SuperSensing Cine-Kamera, die vermutlich mit dem Halo Ring und dem separat platzierten Dual-LED-Blitzlicht die Optik einer echten Kamera simulieren soll.

Oben befindet sich ein IR-Blaster zum Steuern der HiFi-Anlage oder dem Fernseher und eine Öffnung für das zweite Mikrofon. Unten – im Übrigen wie auch die Oberseite plan gehalten – gibt es den SIM-Slot für zwei Nano- oder eine Nano- und eine Huawei eigene NM-Speicherkarte, das Haupt-Mikrofon, der USB-Type-C-Port und die Bohrungen für den Mono-Lautsprecher.

Eine 3,5 Millimeter Audio-Buchse sucht man beim Mate 30 Pro genauso vergebens wie physische Lautstärke-Tasten. Huawei nutzt im Mate 30 Pro das sogenannte Side-Touch-Control. Wer also die Lautstärke verändern will muss links oder rechts seitlich zweimal gegen das Display klopfen, um dann schnell die Lautstärke zu regulieren. Das funktioniert natürlich im gesperrten Zustand nicht, was derweilen zu gewissen Frust führen kann.

Positiv hingegen ist zu erwähnen das die Side-Touch-Funktion - ähnlich wie beim Asus ROG Phone 2 – zum Spielen verwendet werden kann und so die Schultertasten eines Controllers simuliert. Bleibt also nur noch auf der rechten Seite die gut positionierte Power- und Standby-Taste im markanten Rot, die weit nach untern wandern musste, da das Glas des Ultra-Curved-Display im 88 Grad Winkel über den Rand ragt.

Display

Das sogenannte 6,53 Zoll große OLED-Horizon-Display mit „Endless Screen“ bietet eine Auflösung von 2.400 x 1.176 Pixel und 409 ppi, was zum Vorgänger mit 3.120 x 1.440 Pixel und 538 ppi schon ein kleiner Rückschritt ist. Der Kontrast, die Blickwinkel-Stabilität und die satten Farben überzeugen. Wem die seitliche Anzeige nicht gefällt, kann sie wie die obere Notch mit schwarzen Balken tarnen.

Stört die seitliche Anzeige im täglichen Gebrauch? Nein. Mir ist in der Tat nur bei der Nutzung der Kamera eine Fehlfunktion aufgefallen. Das liegt aber an dem zusätzlichen und seitlich positionierten Auslösebutton im Display. Denn dieser erkennt automatisch den seitlichen Handkontakt und sperrt dann automatisch alle anderen Tasten. Hier Bedarf es vermutlich noch ein wenig Feintunning seitens Huawei.

Erwähnenswert wäre noch, dass Huawei nicht dem aktuellen Trend der Mitbewerber folgt und die Bildwiederholfrequenz auf 90 oder 120 Hertz erhöht. Es bleibt bei 60 Hertz. Das Mate 30 Pro bietet keine Benachrichtigungs-LED. Dafür gibt es ein Always-On-Display, das auch einige Designs und Einstellungsmöglichkeiten zur Verfügung stellt. Unter dem Display Glas befindet sich ein schneller und zuverlässig arbeitender Fingerabdrucksensor.

Kamera

Oben in der Notch befindet sich eine 32-Megapixel-Frontkamera mit einer Blende von 2.0, ein 3D-Tiefen- und ein Gesten-Sensor mit einer ausladende Notch. Wenngleich nicht zwingend zeitgemäß, ist sie zum Vorgänger dennoch kleiner geworden. Mit diesem Trio lässt sich das Smartphone nicht nur erstaunlich schnell und auch im Dunkeln gut entsperren, sondern kann auch zur Gesten-Steuerung vor dem Display – wie beispielsweise das Scrollen - verwendet werden.

Die Haupt-Kamera auf der Rückseite nennt Huawei SuperSensing Cine-Kamera und besteht aus vier Kameras. Zwei 40-Megapixel-Weitwinkel-Kameras mit einer Blende von 1.6 und 1.8. Einer davon ist mit einer optischen Bild-Stabilisierung versehen. Weiterhin finden wir in dem Halo-Ring ein 8-Megapixel-Teleobjektiv und eine 3D „Time of Flight“-Tiefen-Kamera.

Das Teleobjektiv bietet eine Blende von 2.4 und wird für den 3-fach verlustfreien, 5-fachen Hybrid- und 30-fachen digitalen Zoom mit einem optischen Bild-Stabilisator unterstützt.
Mit zunehmender Vergrößerung lässt die Qualität jedoch rapide nach. Der 30-fache Zoom sollte auch eher als Gimmick angesehen werden.

Standard mäßig nimmt die Kamera des Mate 30 Pro Fotos mit 10 Megapixel auf. Auch Huawei bedient sich dem Pixel-Binning und macht aus vier einen Pixel. Es gibt an den Ergebnissen der Fotos nichts zu bemängeln. Kontrast, Details und auch die Unschärfe überzeugen nach wie vor auf ganzer Linie.

Dazu zählen auch die Nacht-, beziehungsweise Low-Light-Aufnahmen. Selten das es den üblichen Pixelmatsch gibt. Man sollte natürlich wissen, dass das Ergebnis unnatürlich aufgehellt wird. Natürlich bietet auch das Mate 30 Pro Aufnahmen im RAW- Rohdatenformat zur nachträglichen Bearbeitung am PC.

Video

Auch bei Video-Aufnahmen kann das Mate 30 Pro mit maximalen 4K und 60 fps überzeugen. Und das auch bei Nachtaufnahmen mit einer tollen Bild-Stabilisierung. Der Clou ist mit Sicherheit die erstmalig in einem Smartphone mögliche 256-fache-Ultrazeitlupe. Diese bietet mit maximalen 7.680 Bildern pro Sekunde komplett neue Einsicht in unseren Alltag, wie unser Beispiel mit dem Feuerzeug eindrucksvoll demonstriert.

Prozessor und Speicher

Das Huawei Mate 30 Pro wird mit einem im eigenen Hause produzierten HiSilcon Kirin 990 Octa-Core-Prozessor ausgeliefert. Als Speicher steht dem deutschen Modell 8 GB LPDDR 4 RAM und 256 GB interner UFS 3.0 Speicher zur Verfügung. Dieser lässt sich mit der hauseigenen „Nano Memory“ - kurz NM-Card genannt - bis zu 256 GB erweitern. Bei TradingShenzhen gibt es auch eine Version mit 128 GB und ein 5G-Modell mit 512 GB internen Speicher.

Der Prozessor des Huawei Mate 30 Pro ist schnell und macht zu keinem Zeitpunkt Probleme.
Weder beim Scrollen, öffnen einer Anwendung oder dem Spielen von Ressourcen hungrigen Games. Ein Benchmarktest hat die Kirin 990 sogar einen Tick vor dem Snapdragon 855 Prozessor gesehen. Als grafische Unterstützung steht eine ARM Mali-G76 GPU zur Seite. Das US-Unternehmen ist von dem Embargo nicht betroffen, da die Grafikprozessoren auf der Insel Großbritannien gefertigt werden.

Software

Das Huawei Mate 30 Pro ist nun tatsächlich das erste Smartphone, das unter dem US-Embargo durch Präsident Trump leiden muss. Will heißen, das Smartphone kommt zwar mit Android 10 und der EMUI 10, jedoch ohne Google Services und Anwendungen. Ich habe mich der Herausforderung mit dem Amazon App-Store und der Seite APKMirror gestellt. Denn die vorinstallierte Alternative, die Huawei AppGallery ist zum jetzigen Augenblick noch nicht zu gebrauchen. Unabhängig davon, dass Huawei vor dem Start der Anwendung eine 5 Sekunden lange Werbung vorschaltet. Auch die Auswahl ist für deutsche Ansprüche zu wenig angepasst. Aktuell bemüht sich Huawei darum, die 100 in Europa attraktivsten Anwendungen in den hauseigenen Store zu bekommen.

Also habe ich mit Hilfe der Kollegen von dem Huawei Blog die Google Services über einen USB-Stick nachträglich installiert. Doch wie ich schnell feststellen durfte geht auch dann nicht alles so wie früher. Klar – das Google Pay nicht geht, war bereits im Vorfeld klar. Doch bei mir funktioniert weiterhin nicht die automatische Kontakte-Synchronisation – der Haken ist einfach bei den Einstellungen nicht vorhanden.

Auch meine Google-Smartwatch macht mit dem Mate 30 Probleme. Zwar lässt sie sich über die Wear OS-Anwendung verknüpfen und synchronisieren, doch Google Konten lassen sich nicht einrichten. Ein weiteres Manko ist, dass sich kein 3rd-Party-Launcher wie der Nova-Launcher nutzen lässt. Die Installation an sich ist kein Problem, doch er lässt sich nicht dauerhaft als Standard einrichten. Diese Erkenntnis beruht jedoch auf das direkt aus China importierte Mate 30 Pro. Das beim Media Markt erhältliche Smartphone soll diesbezüglich keine Probleme bereiten.

Akku

Huawei verbaut im Mate 30 Pro einen Akku mit einer Kapazität von 4.500 mAh. Das ist nicht ganz so viel wie im Xiaomi Mi Note 10 (zum Test), bringt aber im Grunde den Effekt, den ich vom Xiaomi-Smartphone erwartet hätte. Zwei Tage Laufzeit sind auch bei stärkerer Nutzung durchaus möglich. Ein 40-Watt-SuperCharge-Netzteil liegt dem Smartphone ebenfalls bei.
Auch die bereits bekannten Features, wie kabelloses Laden (Qi-Technologie) mit 27 Watt und das Reverse-Charging von anderen Qi-fähigen Smartphones wie dem iPhone 11 Pro (zum Test), erledigt das Mate 30 Pro spielerisch.

Das Fazit des Huawei Mate 30 Pro

Das nach IP68 gegen Staub und Wasser geschützte Huawei Mate 30 Pro ist erneut der Repräsentant, was aktuell technisch mit einem Smartphone möglich ist. Schnellster Prozessor, langlebiger Akku und eine Quad-Kamera, welche erneut in der Smartphone-Branche neue Maßstäbe setzt.

Das fast um 90 Grad um die Seiten ragende Horizon-Display mit virtueller Lautstärke-Regulierung und der Gesten-Steuerung vor dem Display ist mit Sicherheit ein wahres Design-Highlight. Leider musste demzufolge auch die Lautstärketaste, ein guter Stereo-Sound, eine 4K-Auflösung oder eine höhere Bildwiederholungsfrequenz dem Smartphone fernbleiben.

Den Todesstoß für das sonst perfekte Huawei Mate 30 Pro erteilt jedoch die USA mit ihrem Embargo. Es gibt keine Google-Services und auch der Play Store und andere Anwendungen fehlen auf dem Smartphone komplett. Auch das nachträgliche Installieren stellt den Anwender immer wieder vor Hindernisse. Für 1.099 Euro ist das schlichtweg nicht akzeptabel.

Bleibt Huawei nur zu wünschen übrig, dass Google so schnell als möglich die beantragte Ausnahme-Lizenz erhält. Denn Huawei hat mit dem Mate 30 Pro im Grunde fast alles richtig gemacht.

 

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